Jonas Timm

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Jonas Timm, Photo: Nora Blum

Interview

Dein erstes Album ist in der Reihe JTNG im April 2022 erschienen. Ein neues Album erscheint jetzt Ende März auf dem Label Doublemoon Records. Was hast Du in der Zwischenzeit gemacht?

Wir haben natürlich einige Konzerte mit dem Quintett gespielt und konnten schönerweise auch Teil von ein paar tollen Festivals sein. Die Rückmeldungen nach Morbu waren so positiv (auch bandintern), dass mir schnell klar war, dass ich das Projekt weiterentwickeln möchte. Durch die frühzeitige Zusage von der Edition DoubleMoon hatte ich eine emotionale Planungssicherheit, wofür ich sehr dankbar bin. So konnte ich mir Zeit nehmen, Inspirationen zu sammeln für den anschließenden Kompositionsprozess.
Ich konnte letzten Sommer eine musikalische Leitung am Theater in Neustrelitz übernehmen und veranstalte jährlich das Mjuzik-Festival mit einem Team um meine großartige Kollegin Olga Reznichenko, der ich jetzt schon lang gewachsen freundschaftlich verbunden bin.
Weiterhin habe ich mit dem Gewandhauschor ein Konzertprogramm zu den Fünf Phasen der Trauer entwickelt, in welchem ich mit und um Werke von Mendelssohn, Bach und Brahms improvisiere.
Daneben noch Arbeit mit diversen Ensembles des MDR und als Pädagoge, in der ich junge Menschen auf die Aufnahmeprüfung vorbereite - eine Arbeit, die mich sehr erfüllt. Es war also auch außerhalb von Morbu viel los.

Dem Line Up des ersten Albums bist Du treu geblieben, nun erweitert um zwei Musiker. Woher kennt Ihr Euch, wie funktioniert für Dich als Komponist und Bandmitglied die Dynamik Eurer Zusammenarbeit?

Die Besetzung von "Morbu" war mit Akkordeon, Klavier und akustischer Gitarre ja schon ungewöhnlich und Tino und Bertram geben mit ihrer einzigartigen Art, Melodien zu improvisieren,
meiner Musik eine ganz besondere Farbe, aber für "Narcís" brauchte ich schwerere instrumentale Elemente, um auch komplexeren Gefühlslagen einen Klang zu geben.
Als Teenager in Berlin habe ich Robby Geerken und Diego Pinera zum ersten Mal zusammen gehört.
Mit diesem symbiotischen Fundament von Congas und Drums in die Musik des südamerikanischen Kontinents eintauchen zu können, ist ein lang gehegter Traum, der jetzt wahr werden konnte.
Johannes kenne ich durch seine tolle pädagogische Arbeit an der Leipziger Musikhochschule. Bei einem Austausch zu afro-peruanischer Musik kam mir der Gedanke, dass ich noch zusätzlich für ihn an der Posaune schreiben könnte. Zusätzlich spielt er auf dem Album auch allerhand kleinere Percussionsinstrumente, wie z.B. Quijada, wodurch die Besetzung nochmal um eine seltene Facette reicher geworden ist.
Also sind die Kompositionen letztendlich wieder für genau diese 6 Individuen entstanden.
Ich habe mich mit allen Bandmitgliedern einzeln getroffen, um zu hören, wie sie Ideen und Skizzen spielen und was ich noch verändern kann.
Von allen kann ich in bestimmten Bereichen immer noch sehr viel lernen und höre allen super gerne zu.
Und ich bin allen total dankbar, wie losgelöst vom einzelnen Ego die Arbeit im Studio am Ende war. Etwas, wovor ich vorher ein wenig Respekt hatte, da eben alle auch sehr aussagestarke Improvisierende mit starker eigener Meinung und Persönlichkeit sind. Auf der anderen Seite spüre ich von jedem einzelnen den Respekt für meine Kompositionen und Fähigkeiten als Pianist und Bandleader und das macht mich auch ein bisschen stolz, wenn ich mir vor Augen halte, wer da mit mir auf der Bühne steht.

Was ist Dein musikalischer Hintergrund, wo liegen Deine Wurzeln und wer sind Deine musikalischen Vorbilder?

Meine Eltern haben beide im Rundfunkchor in Berlin gesungen und so ist Vokalmusik für mich mein intuitives musikalisches Zuhause.
Ich singe seit ich 5 Jahre alt bin in verschiedensten Chören - so ist A-Capella Musik auch recht logisch der direkteste Zugang zu vielen meiner Gefühle.
Und auch, wenn das ein Klischee bedient, finde ich es für meine Musik enorm wichtig, beim Klavierspielen die Stimme als Ursprung nie zu vergessen.
Und mich trotz der großen harmonischen Möglichkeiten des Instruments immer als Teil eines Ensembles zu sehen, auch wenn ich als Solist oder Leader unter Umständen gerade im Vordergrund stehe, den Gesamtklang im Fokus zu haben. Bei meinen Heroes bin ich, glaube ich, nicht besonders ausgefallen. Herbie, Keith, Kenny Kirkland, Gonzalo Rubalcaba sind nur der Anfang einer riesigen Liste an unglaublich inspirierenden Improvisierern. Ich bewundere mit einem Abstand aber auch noch viele meiner Lehrer: Richie Beirach, der mir gezeigt hat, was es heißt, sich musikalisch einzigartig zu fühlen,
Michael Wollny, der trotz seiner schier unendlichen musikalischen Fähigkeit von Sekunde eins an keinen Zweifel aufkommen ließ, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen,
Tino Derado und Diego Pinera, welche mich als Teen komplett ohne Vorwissen mit viel Liebe an die Musik Lateinamerikas heranführten. Ich hatte einfach unbeschreiblich großes Glück mit meinen Lehrpersonen. Mitnehmen tun mich auch eher introvertierte Musikerpersönlichkeiten wie
z.B. Dmitri Schostakowitsch, welche in ihrem Leben trotz mannigfaltiger Widerstände große Kunst vollbracht haben.

Wodurch wurdest Du zum aktuellen Album Narcis inspiriert?

Inhaltliche Grundlage für das Album war sicherlich die Beobachtung komplexerer innerer Gefühle -
auch derer, welche eher schwer zu ertragen sind. Die kritische Auseinandersetzung mit meiner Prägung als heteronormativer Cis-Mann in unserer Gesellschaft hat sicherlich auch eine Rolle gespielt...
Wie schon oben geschrieben waren meine sechs Mitstreiter und die Arbeit mit ihnen und ihre vorherige Arbeit unabhängig von mir ein großer Inspirationsquell. Und musikalisch ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Reihenfolge:
Gonzalo Rubalcaba, Freddy "Huevito" Lobaton, Maria Valencia, Ray Barreto, Marco Campos & Afroperú, Schostakowitsch, Mompou, Messiaen, Poulenc, Richard Strauss, Gerhard Schöne, Sebastian Schunke, Malcolm Braff. Bestimmt habe ich einige vergessen, aber ohne diese Namen wäre "Narcís" nicht so, wie es ist.

Wie sehen Deine Pläne für die Zukunft aus?

In meiner Traumvorstellung kommt jetzt eine Zeit, in der ich mich wieder viel übend mit meinem Instrument auseinandersetzen kann. Gerade habe ich mehr gespielt als geübt und das fühlt sich nicht ganz im Gleichgewicht an. Ich habe mich noch nicht getraut ein zweites Instrument zu lernen, weil ich das Gefühl habe, es gibt auf dem Klavier für mich noch unendlich viel zu entdecken.
Weiterhin möchte ich mir viel Zeit nehmen an Orte zu reisen, welche mich bis jetzt nur über eine Entfernung so inspirieren konnten. Vor allem Südamerika, aber auch Japan und Ozeanien... Ich freue mich aber auch auf den Prozess mit "Narcís" und meine Zusammenarbeit mit Chören.
Wie sich das im Detail gestaltet, wird man sehen. Und ich möchte mich politisch mal wieder erden und orientieren, das ist jetzt bei all der musikalischen und persönlichen Arbeit in den letzten zwei Jahren kürzer gekommen als noch früher. Die Arbeiten des Kulturanthropologen David Graeber stehen zum Beispiel ganz oben auf der Liste.
All das könnte auch in einem politischen Engagement münden. Aber auch das wird sich zeigen in welcher Art und Weise und Form.

Diskographie

Narcis, 2024
Morbu - Jazz Thing Next Generation Vol. 92, 2022

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